Cratena peregrina

DE: Wanderfadenschnecke
EN: Pilgrim hervia
ES: Nudibranquio peregrino
FR: Cratène pérégrine

Cratena peregrina (Gmelin, 1791) ist eine der farbenprächtigsten Nacktschnecken des Mittelmeers – klein, leuchtend und absolut ikonisch. Sie fällt durch ihre milchig-weiße Grundfarbe und die leuchtenden, oft rot‑blau schimmernden Cerata auf.
Sie ist eine aeolide Nacktschnecke aus der Familie Facelinidae und zählt zu den am besten untersuchten Nudibranchia des Mittelmeerraums. Die Art ist ein Modellorganismus für Studien zu Kleptocniden, Farbmorphologie und trophischen Beziehungen zwischen Nacktschnecken und Hydroiden.


Morphologie

  •     Körperbau: Schlank, semitransparent, mit deutlich ausgeprägten Rhinophoren und oralen Tentakeln.
  •     Cerata: In mehreren Reihen angeordnet; enthalten Ausstülpungen des Verdauungstrakts.
  •     Färbung: Variabel, abhängig von Nahrung und Pigmenten der aufgenommenen Hydroiden.
  •     Größe: Typischerweise 30–50 mm.

Die Cerata dienen sowohl der Atmung als auch der Verteidigung, da sie die eingelagerten Nesselzellen der Beute speichern.


Physiologie & Verteidigungsmechanismen (Kleptocniden)

C. peregrina ist ein klassisches Beispiel für Kleptocniden:

  •     Beim Verzehr von Hydroiden werden deren Nematocysten unverletzt durch den Verdauungstrakt transportiert.
  •     Die Schnecke lagert sie in den Spitzen der Cerata ein.
  •     Dort werden sie funktional und können bei Bedrohung abgefeuert werden.

Dieser Mechanismus ist ein evolutionär bemerkenswertes Beispiel für interphylische Nutzung von Beuteabwehrsystemen.


Ernährung & Ökologie

  •     Nahrungsspezialistin: Hauptsächlich Hydroiden der Gattung Eudendrium.
  •     Trophische Rolle: Sekundärkonsumentin in benthischen Hartsubstrat-Gemeinschaften.
  •     Habitat: Subtidale Felswände, Seegrasränder, künstliche Strukturen.
  •     Verbreitung:
    •    Häufig im Mittelmeer
    •    Atlantikküste von Portugal bis Senegal
    •    Kanarische Inseln

Die Art gilt als Indikator für gesunde Hydroidenkolonien, da sie auf deren Präsenz angewiesen ist.


Reproduktion & Entwicklung

  •     Fortpflanzung: Hermaphroditisch, interne Befruchtung.
  •     Eigelege: Spiralförmige Bänder, meist auf oder nahe der Nahrungshydroiden abgelegt.
  •     Larven: Planktotrophe Veliger-Larven, die nach einer pelagischen Phase metamorphosieren.

Die Dauer der Larvalphase beeinflusst die Dispersionsfähigkeit und erklärt die weite Verbreitung der Art.


Systematik & Forschungsgeschichte

  •     Erstbeschreibung 1791 durch Gmelin.
  •     Historisch mehrfach umklassifiziert (u. a. Doris peregrina, Cuthona peregrina, Hervia costai).
  •     Molekulare Studien bestätigen die Zugehörigkeit zur Familie Facelinidae und zeigen geringe genetische Differenzierung zwischen Mittelmeer- und Atlantikpopulationen.

Bedeutung für die Forschung

Cratena peregrina ist relevant für Studien zu:

  •     Nesselzell-Transportmechanismen
  •     Chemischer Ökologie (z. B. wie Nacktschnecken Beute erkennen)
  •     Farb- und Pigmentbiologie
  •     Larvaldispersionsmodellen im Mittelmeer
  •     Evolution von Verteidigungsstrategien bei Nudibranchia